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Ehe und die katholische Kirche

Als eine »Niederlage für die Menschheit« bezeichnete der Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (Vatikan) den Ausgang des Votums in Irland über die Gleichberechtigung Homosexueller bei der Eheschließung. Dass man dort angefressen ist, ist leicht nachvollziehbar, ist Irland ja nun wirklich eine Hochburg des Katholizismus. Und wenn man selbst dort kein Problem mehr mit Lev. 18,22 hat, dann ist verständlich, dass man in Europa nun endgültig die Felle davonschwimmen sieht.

Am Katholizismus hat sich Tucholsky sein Leben lang abgearbeitet, am intensivsten wohl im Briefwechsel mit der jungen Journalistin Marierose Fuchs.

Und dort gibt es im Brief vom 12.9. 1929 zwei Stellen, die ich heute all jenen mit auf den Weg geben möchte, die sich heute in die Auseinandersetzung um Sinn und Zweck der Ehe begeben:

Solange sich die Kirche damit begnügt, zu sagen: “Wir beerdigen keinen geschiedenen Mann kirchlich. Wir erkennen eine zweite Ehe nicht an – wir exkommunizieren. Wir halten den Ehebruch für eine schwere Sünde.” – solange haben wir andern zu schweigen. Weil man nämlich aus der Kirche austreten kann – und wer darin bleibt, der hat sich zu unterwerfen. Das ist eine innerkatholische Angelegenheit, die keinen andern berührt.
In dem Augenblick aber, wo die Kirche sich erdreistet, uns andern ihre Sittenanschauungen aufzwingen zu wollen –
unter gleichzeitiger Beschimpfung der Andersdenkenden
als “Sünder” –
in dem Augenblick halte ich jede politische Waffe für erlaubt – auch den Hohn, grade den Hohn.
Und, unmittelbar davor eine zweite Stelle, die mir ganz passend scheint, auch wenn für die politische Landschaft heute wohl eher nicht die Zentrumspartei relevant ist. Der Kern der Sache bleibt freilich derselbe:
Wie! Die Partei steigt in die Arena des politischen Kampfes hinunter, ein Feld, auf dem – wie männiglich bekannt – auch mit Pferdeäpfeln geworfen wird. Die Kämpfer schreien sich heiser, sie brüllen, sie führen auch saubere und leise Kämpfe – und es geht im ganzen recht hitzig zu. Wir wehren uns. Gerät aber die Kirche in die Bredouille, dann höre ich da ein Gequietsch wie von einer Katze, der man auf den Schwanz getreten hat: “Das Heiligste ist in Gefahr!” – Das Heiligste ist in Gefahr? Dann müßt ihr das nicht auf den Kampfplatz schleppen – es fällt ja auch keinem Priester ein, mit dem Allerheiligsten, unbedeckt, in eine Elektrische zu steigen – weil es nämlich nur ein transportabler Gegenstand wäre, auf den Rücksicht zu nehmen unmöglich wäre. Also?
Also darf man sich nicht auf das “Heilige”, auf das “religiöse Empfinden” zurückziehen, wenns einem grade paßt. Das ist nicht ehrlich. Die politische Partei des Zentrums muß sich gefallen lassen – genau wie alle andern Parteien auch – politisch bekämpft zu werden. Und das hat Ossietzky getan.
Zieht die Partei die Kirche in den Streit, so geht der Kampf auch um das Dogma – wir haben nicht angefangen.
Den ganzen Brief an Marierose Fuchs finden geneigte Leser im Sudelblog.

Banner zum Gedenken an Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Pro Kiez Bötzowviertel e.V.

Im Januar 2015 jährte sich zum 125. Mal der Geburtstag Kurt Tucholskys. Aus diesem Anlass haben sich Mitglieder des Vereins Pro Kiez e.V., der vor mehr als sechs Jahren die Kurt-Tucholsky-Bibliothek vor der Schließung bewahrt hat und sie seitdem auf ehrenamtlicher Basis betreibt, etwas Besonderes einfallen lassen: In einer Feierstunde hissen sie an der Bibliotheksfassade Esmarchstraße 18 ein großes Banner mit dem Gedichttext Augen in der Großstadt. Der linke deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller, der im schwedischen Exil den Freitod wählte, hinterließ uns mit seinen Gedichten, Aufsätzen, Reportagen und Romanen ein Werk von bleibender Aktualität. 

Termin: Freitag,8. Mai 2015,18.00 Uhr.

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