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Der deutsche Buchhandel

In den Publikationen der deutschen Buchhandelsbranche (hier mal als Beispiel der Buchreport) wird mehr oder weniger euphorisch dieser Auftritt Torsten Sträters bei Nuhr im Ersten herumgereicht:

Die Branche ist derart gebeutelt und seit vielen Jahren derart schlecht beleumundet, dass man sich über jeden Beistand freut – erst recht, wenn er derart warmherzig vorgetragen wird.

Übersehen wird dabei freilich, dass Sträter hier ja eher für den Erhalt eines nostalgisch aufgeladenen Museumsstücks als für eine zukunftsfähige Handelslandschaft plädiert. Es mag emotional aufbauend sein, einmal nette Worte statt Dinosaurier- und Pferdekutschenmetaphern zu hören – aber mehr als Mitleid ist damit nicht zu gewinnen. Und Mitleid bezahlt keine Mieten, von Gehältern mal ganz abgesehen.

Aber gut, inwieweit das humorvolle und warmherzige Aufbewahren längst überkommener Klischees nun eine Freude für den Buchhandel ist, möge dieser selbst klären. Dass auch vor 100 Jahren bereits Kunden mit dem Angebot des Buchhandels nicht stets und ständig einverstanden und zufrieden waren, zeigt der grundlegende Text von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1914, aus dem ich hier einige prägnante Stellen zitieren möchte:

Es klafft der Zwiespalt, Geld verdienen zu müssen und Kultur fördern zu wollen. Das Geldverdienen erschweren sie sich – das ist ihre Sache; die Kultur auf dem Büchermarkt wird durchaus nicht gefördert – das ist unsre Sache.

Was liegt denn hier vor? Doch wohl ein Geschäft, eine kapitalistische Institution, ein Gewerbe. Das Buch ist Ware. Gegen diesen Satz sträuben sie sich alle noch immer. Das Buch ist Ware, und wer sie verkauft, muß warenkundig sein, so wie der Rayonchef der Strumpf-Abteilung des ganz unpersönlichen Warenhauses viel von Strümpfen wissen muß.

Und, liebe Lesende, sagt selbst: Überholt und überwunden?

Natürlich nicht, denn hier handelt es sich um die Grundbedingungen der Branche selbst. Wenn sie überhaupt sinnvoll existieren möchte, muss sie diesen Genüge tragen. Doch schon hier muss erheblicher Zweifel angebracht werden, denn mir scheint dieses Problem hier weiterhin ungelöst:

Ich möchte mir eine Literaturgeschichte kaufen. Aber wehe mir Armem, der ich nun in die Buchhandlung gehe. Dort weiß man nur den Preis der zwei dicken Bücher, die man auf Lager hat und dreier andrer, die im Katalog verzeichnet stehen. Man weiß auch (aber das geht mich nichts an), wie alle fünf Werke rabattiert werden. Und man wird mir sogar freundlich den Namen des Verlegers und des Verlagsortes mitteilen. Aus. Kein Wort über den Wert, über die innere Art des Buches. »Dieses Werk wird sehr viel gekauft.« Allenfalls dies noch oder ein paar allgemeine Redensarten.

Sollen also die Sortimenter alle Bücher lesen, die sie verkaufen? Alle gewiß nicht; aber sie sollen die Waren- und Fachkenntnis haben, in der ihnen jetzt jeder einigermaßen gebildete Literat über ist.

Wer derart an Ausbildung und Bezahlung spart, wie es der deutsche Buchhandel branchenweit praktiziert, wird es naturgemäß schwer haben, gute  Leute zu finden – und zu halten. Den nicht zuletzt von den Filialisten in Gang gesetzten Teufelskreis noch zu stoppen, wird eine schmerzhafte Aufgabe. Eine schmerzhafte Aufgabe nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht ohne schmerzhafte Aufgaben zu lösen sein wird.

Dies wird umso dringender, als bereits jetzt abzusehen ist, dass nicht nur »einigermaßen gebildete Literaten« Wissensvorsprung haben – und damit sind nicht einmal nur Menschen gemeint.

Der Tucholsky-Text versammelt meiner Meinung nach auch heute noch alles, was aus Kundensicht von einer guten Buchhandlung zu fordern ist und was beim besten Willen nicht von allen der glücklicherweise noch tausenden Buchhandlungen erfüllt wird. Dass es in den letzten 100 Jahren leidlich gut ging, ist ein Glücksfall – aber keine Basis für die Zukunft. Und so möchte ich die Leseempfehlung schließen mit dem Schlussplädoyer Tucholskys:

Gewiß: es gehört ein Unmaß von Arbeit, es gehören sehr fein ausgebildete Registraturen und Kartotheken und es gehört, vor allem, eine ganz genaue literarische Fachkenntnis dazu, zwischen Buch und Käufer zu vermitteln. Aber schließlich verlangen wir auch von jedem Schlosser, dass er sein Gewerbe kennt. Dieser langweilige und wenig erträgliche Zustand ist soweit gediehen, dass man, zum Beispiel, in der Buchabteilung eines großen berliner Warenhauses* besser und sachgemäßer bedient wird als in mancher Sortimentsbuchhandlung.

Das darf nicht so weitergehen. Wenn die Buchhändler wirklich sich berechtigt glauben, gegen jede Bevormundung eines Dritten Protest einzulegen, dann müssen sie selbst aus einem Winterschlaf erwachen, der sie schon lange gefangen hält, und dem hoffentlich bald ein neuer Bücherfrühling folgen wird.

*der Ort ist auch problemlos austauschbar – mit Seattle zum Beispiel…

Fehlt also nur noch der Link zum ganzen Text bei textlog: Kurt Tucholsky: Der deutsche Buchhändler.