Wir sind auch noch da

Von deutschnationaler Seite wird sehr gerne vorgebracht, dass all jene linksgrün versifften Gutmenschen, denen es in Deutschland nicht gefalle, ja gehen dürften.

Ganz großartig wird das, wenn man bedenkt, dass es ja gerade jene sind, die mit den Zuständen hier so unzufrieden sind (Linksgrün versiffte Politik, Lügenpresse, Chemtrails etc. etc.) und diese Zustände ändern wollen. Was aber bedeutet, dass ihnen Deutschland nicht gefällt, ihnen gemäß ihrer Logik also ein Verlassen des Landes ans Herz zu legen ist.

Aber gut, dies nur nebenbei, denn gemeint ist natürlich nie das Deutschland, wie es möglicherweise ist, sondern nur das Deutschland, das sie sich erträumen. Es erscheint mir aber in diesen Tagen, in denen täglich und deutschlandweit terroristische Anschläge verübt werden (man denke nur, was in diesem Land los wäre, stünde nur eine diese Taten unter dem Motto »Inschallah« und nicht »Ausländer raus!«) wichtig, über den Heimatbegriff nachzudenken und zu überlegen, wem man hier die Deutungshoheit überlassen will.

Kurt Tucholsky gab 1929 zusammen mit John Heartfield den Band »Deutschland, Deutschland über alles« (»jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts«) heraus, eine bitterböse Abrechnung mit dem Zustand des Landes, in seiner Radikalität durchaus Ausdruck von Tucholskys zunehmender Verzweiflung.

In der Nachrede zu diesem Buch, die eine für mich immer noch gültige Definition von Heimat bildet, findet sich eine Passage, die ich heute all jenen entgegnen möchte, die glauben, im Namen Deutschlands zu sprechen:

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

»Wir sind auch noch da!«
Tragen wir diese Botschaft nach draußen, möge dies der Wahlspruch all jener sein, die sich dumpfem Hass entgegenstellen. Vor allem aber: Stellen wir uns dagegen. Das muss nicht bei großen Demos sein, mindestens genauso wichtig ist es, dem alltäglichen Rassismus entgegenzutreten. Vor allem aber: Überlassen wir dieses Land nicht den nationalistischen Krakeelern. Geschichte darf sich nicht wiederholen.

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Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause (2014).

Die überaus gelungene Anthologie von Joachim Sartorius enthält [selbstverständlich] auch Tucholsky.
Im Rundbrief der Kurt Tucholsky-Gesellschaft vom April 2015 erschien ebenfalls eine Rezension (dort S. 27).