Der zappelnde Nichtstuer

Multitasking – das scheinbare Zauberwort sich vielbeschäftigt gebender Menschen – ist nicht nur keine Erfindung heutiger Tage, es ist vor allem Blendwerk.
Zumindest dürfte das wohl Tucholsky so sehen, der dieses Phänomen bereits 1931 in einem etwas längeren »Schnipsel« wie folgt kommentierte:

Da erzählen sich die Leute immer so viel von Organisation (sprich vor lauter Eile: »Orrnisation«). Ich finde das gar nicht so wunderherrlich mit der Orrnisation.

Mir erscheint vielmehr für dieses Gemache bezeichnend, dass die meisten Menschen stets zweierlei Dinge zu gleicher Zeit tun. Wenn einer mit einem spricht, unterschreibt er dabei Briefe. Wenn er Briefe unterschreibt, telefoniert er. Während er telefoniert, dirigiert er mit dem linken Fuß einen Sprit-Konzern (anders sind diese Direktiven auch nicht zu erklären).

Jeder hat vierundfünfzig Ämter. »Sie glauben nicht, was ich alles zu tun habe!« – Ich glaubs auch nicht. Weil das, was sie da formell verrichten, kein Mensch wirklich tun kann. Es ist alles Fassade und dummes Zeug und eine Art Lebensspiel, so wie Kinder Kaufmannsladen spielen. Sie baden in den Formen der Technik, es macht ihnen einen Heidenspaß, das alles zu sagen; zu bedeuten hat es wenig.

Sie lassen das Wort ›betriebstechnisch‹ auf der Zunge zergehn, wie ihre Großeltern das Wort ›Nachtigall‹. Die paar vernünftigen Leute, die in Ruhe eine Sache nach der andern erledigen, immer nur eine zu gleicher Zeit, haben viel Erfolg. Wie ich gelesen habe, wird das vor allem in Amerika so gemacht.

Bei uns haben sie einen neuen Typus erfunden: den zappelnden Nichtstuer.

Advertisements

Presseschau zum Tod von Volker Kühn

Volker Kühn war eine der ganz wichtigen Persönlichkeiten des deutschen Kabaretts. Nicht nur, weil er selbst wichtige und wesentliche Beiträge als Autor, Regisseur und Produzent geliefert hat, sondern auch, weil er ein intimer und exzellenter Kenner der Kabarettgeschichte war. Seine Leistungen für die Kabaretthistorie sind gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Natürlich spielte Tucholsky in seinem Werk eine erhebliche Rolle, das allgemein populärste Ergebnis ist möglicherweise das Programm »Fisch sucht Angel oder: Die Dame im Bett hat immer Recht«, das mit Werner Plathe und Katharina Lange auf CD erschienen ist (und hier bei spotify gehört werden kann).

Ausgezeichnet wurde Kühn in den letzten Jahren mehrfach, so mit dem Bundesverdienstkreuz, einem Stern der Satire und im vorigen Jahr mit der Ehrenmitgliedschaft bei der Kurt Tucholsky-Gesellschaft. Bei dieser Gelegenheit erlebte ich ihn zum ersten Mal (und nun wohl offenkundig auch letzten Mal, eventuelle Jenseitserfahrungen einmal ausgenommen). Obwohl bereits deutlich von der Krankheit gezeichnet, versprühte er eine unbändige Lebensfreude, einen unbezähmbaren Witz und einen unbeugsamen Geist. Dieser ist nun von uns gegangen.

Die Kulturredaktionen verschiedener Medien haben sich mit Würdigungen geäußert, ein kleiner Überblick soll hier gegeben werden:

Beginnen möchte ich mit einer Ankündigung: Morgen, 23.09.2015 um 21:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur eine einstündige Gedenksendung unter dem Titel »Kleinkunst? Was, um alles in der Welt, ist dann Großkunst?!«.
Diese Sendung sei hiermit mit Nachdruck empfohlen.

Deutschlandradio Kultur ging auch in den Kulturnachrichten vom Sonntag auf Kühns Tod ein.

Die dpa-Meldung wurde von der FAZ und dem Stern recht ausführlich wiedergegeben. Auch der Nachruf bei 3Sat stützt sich im Wesentlichen darauf. Sie bietet einen guten Überblick zu Leben und Werk.

Bei nachtkritik.de erschien eine etwas ausführlichere Würdigung.

Im Tagesspiegel hat Christian Schröder einen Nachruf unter dem Titel »Ich lache Tränen, heule Heiterkeit« geschrieben.

Bei der Frankfurter Rundschau zeichnet Judith von Sternburg für den Nachruf verantwortlich.

Bei der Berliner Zeitung betitelte Birgit Walter ihre Würdigung mit »Der Virtuose im Hinschauchruf«.

Nachtrag (25.10.2015):
Im Blättchen erschien unter dem Titel »Kleinkunst als Großkunst« ein Nachruf von Frank-Burkhard Habel.

Küsst die Faschisten

Das Werk Tucholskys ist äußerst vielfältig. Man kann ganze Abende gestalten und bei jedem dieser Abende hätten die Zuschauer einen völlig unterschiedlichen Eindruck von ihm.
Ich würde hiervon auch gerne etwas vermitteln, aber leider muss derzeit weiterhin der politische Tucholsky im Vordergrund stehen.

Wieder einmal, wie schon in den 90er Jahren, als man das Grundrecht auf Asyl de facto abschaffte, wieder einmal knickt man vor dumpfem Menschenhass ein. Die zuständigen Chargen überbieten sich gerade in Vorschlägen, wie man Menschen, die zu uns flüchten, das Leben noch einmal so richtig schwer machen kann.

Mir fielen dazu noch zahlreiche Dinge ein, ich möchte es heute aber bei einem Tucholsky-Text aus dem Jahr 1931 belassen. Also aus einer Zeit, als er schon lange nicht mehr daran glaubte, die Faschisten noch aufhalten zu können, aber trotzdem weiter gegen sie anschrieb:

Lesung durch Steffen Ille von seinem Hörbuch »Gruß nach vorn«:

Rosen auf den Weg gestreut

 
Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft! 

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft. 

Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,

gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Kurt Tucholsky. In dunklen Zeiten ist der Konjunktiv ein Trost.

Und jetzt? Ach, „Dicker“, du wirst vermisst. Deine Stimme würde gebraucht. Wieder.

Diesem Stoßseufzer, der einen wunderbaren Beitrag beendet, schließt sich der Autor dieses Blogs vorbehaltlos an. Und jetzt bitte hier entlang zu »Sätze & Schätze«: Kurt Tucholsky. In dunklen Zeiten ist der Konjunktiv ein Trost.