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Harald Vogel: Was darf die Satire? – Eine Rezension.

Ein Gastbeitrag von Frank D. Albert von der Ohe.

Für Leser, die ein Faible für die beiden deutschen Ausnahmeschriftsteller Kurt Tucholsky und Erich Kästner haben, ist das Buch des Literaturprofessors Harald Vogel ein gefundenes Fressen.

Obwohl beide Schriftsteller in einer Dekade geboren sind und sie bereits während der Weimarar Republik erfolgreich waren, könnten ihre Lebenswege doch nicht unterschiedlicher verlaufen. Tucholsky, der Ältere von beiden (Jahrgang 1890), hatte bereits seinen Wohnsitz in Deutschland aufgegeben und war – ganz Kosmopolit – seit 1924 im Ausland ansässig. Kästner, Jahrgang 1899, war bodenstämmiger und wollte sich nicht aus Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verabschieden.

War das Exil bei Tucholsky anfänglich noch freiwillig gewählt, so war es ab 1933 bis zu seinem Tod im Dezember 1935 eine Überlebensgarantie. In Schweden hatten Hitlers Schergen keinen Zugriff auf ihn, nur er selbst. Kästner schaffte es, während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland zu verbleiben und – trotz Bücherverbrennung seiner Werke – als „Chronist“ durchaus mit geduldeten Veröffentlichungen unter verschiedenen Pseudonymen auch wirtschaftlich zu überleben.

Beide verband in der Weimarer Republik die „Weltbühne“, jenes radikaldemokratische Zentralorgan der bürgerlichen Linken, für die sowohl Kästner als auch Tucholsky publizierten. Sie hatten aufgrund ihrer verschiedenen Lebenswelten nur wenig tatsächliche Berührungspunkte. Texte übereinander existieren eigentlich nicht. Bis auf einen. Kästner schreibt nach dem Kriege über eine seltene Begegnung am Lago Maggiore („Begegnung mit Tucho“) eine liebevolle Hommage an Tucholsky. Lange hat der Rezensent von Kästners Geschichte gezehrt, nunmehr schließt Harald Vogel mit seiner vergleichenden Betrachtung von Kästner und Tucholsky diese Lücke.

Dem Autor gelingt es hervorragend, Kästner und Tucholsky gegenüberzustellen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden herauszuarbeiten. Über diesen vergleichenden Einstieg zeigt Vogel dann anhand zahlreicher Textgegenüberstellungen auf, welche unterschiedlichen Ansätze sie in ihren Werken gewählt haben. So stellt sich im Kapitel „Was darf Satire“ anhand der Gedichte „Olle Germanen“ (Tucholsky) und „Das Führerproblem, genetisch betrachtet“ (Kästner) dar, dass Tucholsky seinem Ruf als früher Warner vor den Folgen des Nationalsozialismus gerecht wird, indem er in dem Gedicht Florettstiche („Mama ist pinselblond“), Säbelhiebe („Wer waren unsere Ahnen? Kubanische Germanen…“) und Faustschläge („… die zeugten zur Erfrischung uns Promenadenmischung.“) gegen die Nazis austeilt.

Kästner, in Deutschland in der öffentlichen Meinung leider oft auf seine Kinderbücher reduziert (wer den wunderbaren Roman „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ gelesen hat, weiß, dass dies unzutreffend ist), wird diesem Klischee gerecht und wählt einen gänzlich anderen Ansatz, indem er seinen Text als modifizierte biblische Schöpfungsgeschichte inszeniert. Er muss sich daher vom Autor Harald Vogel zu Recht den Vorwurf eines verulkten Kinderspiels gefallen lassen, gleichwohl er den Führerkult eindeutig auf die Schippe nimmt. An die Klarheit Tucholskys kommt Kästner jedoch in dem Gedicht nicht heran. Vielleicht war es auch dieses gerne von Kästner gewählte („harmlose“) Stilmittel, welches ihn nicht dem absoluten Zorn der Nazis aussetzte und im 3. Reich überleben ließ.

Über halb erotische und politische Kabarett-Texte von Kästner und Tucholsky landet das Buch schließlich final bei dem berühmten Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“. Das Zitat, welches nicht nur das Reichsgericht beschäftigt hat, sondern auch noch einmal in seinen Grundzügen vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde, ist zum allgemeinbildungspolitischen Erkennungszeichen Tucholskys geworden. Vogel verlässt hier die Vergleichsebene zwischen den beiden Autoren und beschäftigt sich ausgiebig mit dem dem Zitat zugrundeliegenden Text „Der bewachte Kriegsschauplatz“, charakterisiert diesen als mörderisches Katz-und Maus-Spiel und stellt fest, dass zwar Tucholsky veröffentlicht hat, aber Ossietzky – als Herausgeber der Weltbühne – die Suppe juristisch auszulöffeln hatte (was Tucholsky stark belastete).

Das Buch ist aus Sicht des Rezensenten durchweg gelungen und richtet sich an den (stark) an Tucholsky und Kästner interessierten Leser genauso wie an Schüler und Literaturstudenten für die Vertiefung der Autoren in Unterricht und Vorlesung. Eine Anschaffung kann nur wärmstens empfohlen werden.

Harald Vogel, Was darf die Satire? Kurt Tucholsky und Erich Kästner – Ein kritischer Vergleich. Verlag Ille & Riemer Leipzig/Weißenfels, 2015. 156 Seiten. ISBN 978-3-95420-015-3. Print: 19,80 €, ebook (ePUB/Kindle): 9,99 € >> zur Verlagsseite mit Leseprobe, Informationen und Bestellmöglichkeiten.

Juden und Radfahrer – Ein angebliches Tucholsky-Zitat

Kurt Tucholsky gilt als einer der meistzitierten deutschen Autoren und viele seiner pointierten Aussagen werden auch heute noch gerne verwendet. Allerdings steckt nicht in allen Zitaten, auf denen »Kurt Tucholsky« steht, auch Kurt Tucholsky drin: Juden und Radfahrer – Ein angebliches Tucholsky-Zitat

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Berliner Fasching

Der diesjährige Rosenmontag scheint ja mit deutlich weniger Umzügen auskommen zu müssen als im Durchschnitt der letzten Jahre.

Die gewonnene Freizeit kann sinnvoll genutzt werden, sei es durch einen passenden Film, oder, wer es etwas kürzer mag, durch die Lektüre eines Gedichts.

Tucholskys »Berliner Fasching«, veröffentlicht am 14. Februar 1914 in der Schaubühne unter dem Pseudonym Theobald Tiger, ist ein frühes Gedicht. Wie bei seinen Vorkriegstexten nicht untypisch, wirkt das Gedicht äußerst heiter, es ist – wenn auch unverkennbar typisch in seiner ironischen Grundhaltung – geradezu unbeschwert. Diese Leichtigkeit wird er nach 1918 nicht mehr wiedergewinnen, selbst in seinen berlinernden Revuetexten nicht, die dem noch am nächsten kommen.

Das Gedicht gehört mit Sicherheit nicht zu Tuchos stärksten Werken, aber hey, Berlin ist ja nun auch nicht gerade eine Karnevalshochburg:

Berliner Fasching

Nun spuckt sich der Berliner in die Hände
und macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.
Er schuftet sich von Anfang bis zu Ende
durch diese Faschingszeit.

Da hört man plötzlich von den höchsten Stufen
der eleganten Weltgesellschaft längs
der Spree und den Kanälen lockend rufen:
»Rin in die Eskarpins!«

Und diese Laune, diese Grazie, weißte,
die hat natürlich alle angesteckt;
die Hand, die tagshindurch Satin verschleißte,
winkt ganz leschehr nach Sekt.

Die Dame faschingt so auf ihre Weise:
gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,
dann knutscht sie sich in streng geschlossnem Kreise,
fern jeder Konkurrenz.

Und auch der Mittelstand fühlts im Gemüte:
er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,
umspannt das Haupt mit einer bunten Tüte
und rufet froh: »Juhu!«

Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehre
Philosophie: auch er bedarf des Weins!
Leicht angefüllt geht er bei seine Claire,
Berlin radaut, er lächelt …

Jeder seins.