Berliner Fasching

Der diesjährige Rosenmontag scheint ja mit deutlich weniger Umzügen auskommen zu müssen als im Durchschnitt der letzten Jahre.

Die gewonnene Freizeit kann sinnvoll genutzt werden, sei es durch einen passenden Film, oder, wer es etwas kürzer mag, durch die Lektüre eines Gedichts.

Tucholskys »Berliner Fasching«, veröffentlicht am 14. Februar 1914 in der Schaubühne unter dem Pseudonym Theobald Tiger, ist ein frühes Gedicht. Wie bei seinen Vorkriegstexten nicht untypisch, wirkt das Gedicht äußerst heiter, es ist – wenn auch unverkennbar typisch in seiner ironischen Grundhaltung – geradezu unbeschwert. Diese Leichtigkeit wird er nach 1918 nicht mehr wiedergewinnen, selbst in seinen berlinernden Revuetexten nicht, die dem noch am nächsten kommen.

Das Gedicht gehört mit Sicherheit nicht zu Tuchos stärksten Werken, aber hey, Berlin ist ja nun auch nicht gerade eine Karnevalshochburg:

Berliner Fasching

Nun spuckt sich der Berliner in die Hände
und macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.
Er schuftet sich von Anfang bis zu Ende
durch diese Faschingszeit.

Da hört man plötzlich von den höchsten Stufen
der eleganten Weltgesellschaft längs
der Spree und den Kanälen lockend rufen:
»Rin in die Eskarpins!«

Und diese Laune, diese Grazie, weißte,
die hat natürlich alle angesteckt;
die Hand, die tagshindurch Satin verschleißte,
winkt ganz leschehr nach Sekt.

Die Dame faschingt so auf ihre Weise:
gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,
dann knutscht sie sich in streng geschlossnem Kreise,
fern jeder Konkurrenz.

Und auch der Mittelstand fühlts im Gemüte:
er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,
umspannt das Haupt mit einer bunten Tüte
und rufet froh: »Juhu!«

Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehre
Philosophie: auch er bedarf des Weins!
Leicht angefüllt geht er bei seine Claire,
Berlin radaut, er lächelt …

Jeder seins.

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